Alternativen sind zu anstrengend

Die großartige Christine Prayon in „Die Anstalt“ über die freiwillige Selbstausleuchtung, private Geheimdienste und Bequemlichkeit:

„Ich hab‘ echt ein Glaubwürdigkeitsproblem: Ich benutze Apple, Google, Facebook, Twitter, Windows. Ich lass‘ mich freiwillig verwanzen und will dann hier als Moralapostel die Fremdausspähung anprangern. Klar, staatliche Geheimdienste sind böse, aber private Geheimdienste sind geil, weil die so ’ne schöne Benutzeroberfläche haben. […]
Die freiwillige Selbstausleuchtung ist effizienter als die Fremdausleuchtung, weil sie einher geht mit dem Gefühl der Freiheit. Diese gefühlte Freiheit ist der Grund, warum wir kaum gegen die Totalüberwachung demonstrieren. Hab ich neulich gelesen. Sagt Byung-Chul Han. Hat er gut gesagt, ne? Ich lese sowas gerne, weil ich nachher genau so weitermache wie vorher, nur mit ’nem anderen Bewusstsein.
Ich meine, natürlich könnte ich Linux statt Windows benutzen, Startpage statt Google, Diaspora statt Facebook oder ganz krass: einfach gar nicht zu Facebook gehen. Es gibt ja Alternativen, aber ich mach’s nicht. Ist mir zu anstrengend. Ich guck‘ lieber heute Abend „Die Anstalt“, das reicht mir an kritischer Auseinandersetzung mit dem Thema. […]

Total schizophren ist doch, was wir machen. Ich mein‘, wie kann man googlen und gleichzeitig gegen Vorratsdatenspeicherung sein? Das ist ja wie Merkel und Konstantin Wecker gut finden. Wie BILD lesen und „Lügenpresse!“ rufen. Wie Kabarettist sein und hochbezahlte Galas für Konzerne machen. Schizophren! Ich kapier‘ mich nicht. Da draußen geht die Demokratie vor die Hunde, „1984“ ist ’n Kindergeburtstag dagegen, und ich bin zu faul, meine Mails zu verschlüsseln!
Es gibt Fachleute, die sagen, wenn nur zehn bis fünfzehn Prozent aller Leute verschlüsseln würden, könnten die Geheimdienste derzeit dicht machen. Die staatlichen und die privaten. Aber ich mach’s nicht. Es muss ja noch jemand zu den restlichen fünfundachtzig Prozent gehören.“

(Transskript von hier)

Ist ja meine Rede: alles Ausreden und Bequemlichkeit. Linux ist lange kein Gefrickel mehr, und Verschlüsselung ist kein Buch mit Sieben Siegeln, selbst dann nicht, wenn man nicht Informatik studiert hat.

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