Zweiter Frühling

Vorwort

Der Rechner eines Freundes ist ein in Würde gealtertes Teil, das vor vielen Jahren einmal mit einem hohen Qualitätsanspruch montiert wurde. Da mein Freund beruflich sehr viel unterwegs ist und die Anschaffung eines mobilen Gerätes aus verschiedenen Gründen keine Option war und ist, wird der Rechner sehr wenig genutzt. Die Summe der Betriebsstunden in seinem fast zehnjährigen Dasein dürfte von wesentlich neueren Geräten wie meinem lange übertroffen sein.
Auf dem Rechner sorgte damals ein vorinstalliertes Windows XP für den entsprechenden Vortrieb. Über die Jahre ist dieses Windows XP sehr langsam geworden, zudem ist die dafür vorgesehene Partition auf der Festplatte inzwischen an die Grenze ihrer Aufnahmefähigkeit gestoßen. Damit gerät jede Benutzung dieses Rechners zur Geduldsprobe, die von Meldungen verschiedener unnützer Software begleitet wird. Der Bootvorgang dauert lange genug, dass sich der Benutzer in aller Ruhe einen Kaffee kochen oder andere sinnvolle Verrichtungen erledigen kann. Abhilfe tat also Not.

Der Plan

Zuerst hieß es, Angaben zum Gerät zu ermitteln, was sich über Teamviewer recht einfach realisieren ließ. Allerdings sind meine Kenntnisse zu Windows rudimentär, und ich war auf die Angaben aus der Systemsteuerung angewiesen. Immerhin konnte ich den Prozessor und die Größe des Arbeitsspeichers ermitteln. Aus der Typbezeichnung des Rechners konnte ich zumindest auf vorhandene Slots für Erweiterungskarten schließen. Die wichtigsten Informationen hatte ich nun:

  • AMD Sempron 3000+
  • 512 MB RAM
  • Grafik VIA/S3G Unichrome
  • Chipsatz VIA UniChrome KM400A
  • Plug-and-Play-Monitor (VGA)
  • AGP-Steckplatz

Das Board verfügt über zwei Slots für die Riegel des Arbeitsspeichers. Da ich selbst keinen DDR-SDRAM mehr besaß und ein käuflicher Erwerb von RAM-Modulen der wirtschaftliche Overkill wäre, mussten wir also mit dem haushalten, was verbaut war. Da ich aber noch eine nVidia-Grafikkarte mein Eigen nannte, lag nahe, die auch einzubauen und so noch etwas RAM frei zu schaufeln. Außerdem hatte ich gelesen, dass die Unterstützung von VIA in Linux nicht so toll ist.
Da ein Navigationsgerät hin und wieder angeschlossen und aktualisiert werden sollte, musste Windows XP unbedingt erhalten bleiben, denn meine Recherche zu diesem TomTom ergab, dass es zwar unter Linux ansprechbar ist, aber ausgerechnet die Funktion des Aktualisierens mit Blitzerstandorten nicht nutzbar ist.
So war der Plan geboren: Ich würde mit einer schlanken Distribution im Live-Betrieb die Hardware testen, inklusive der anzuschließenden Peripheriegeräte. Anschließend würde ich Windows XP neu installieren und nur die absolut notwendige Software für das TomTom. Auf dem restlichen Platz würde ich Linux installieren und die persönlichen Daten zurück spielen.
Im Dualboot würde mein Freund dann für die normale Nutzung, also Surfen, Mails abholen und senden, Abrechnungen verfassen und Skizzen als PDF einscannen, Linux benutzen. Für das Eintragen der von ihm aufgeklärten Blitzerstandorte in sein TomTom würde er den Rechner mit Windows starten.
Die Linux-Distribution, die ich verwenden wollte, sollte idealerweise KANOTIX Dragonfire sein, wegen der Hardwarevoraussetzungen natürlich mit LXDE. Um für Unvorherbares gerüstet zu sein, hatte ich Lubuntu 12.10, Debian 7 Netinstall und KANOTIX mit LXDE, alle in 32bit, auf CD gebrannt. Sollte der Rechner über die Fähigkeit verfügen, von USB booten zu können, wollte ich sie natürlich nutzen.

Die Umsetzung

Der Rechner bootete vom USB-Stick, was schon mal sehr erfreulich war. KANOTIX fühlte sich flüssig an, jedoch war die Darstellung auf dem Bildschirm fehlerbehaftet. Beim Versuch, den Drucker mit CUPS einzurichten, bleib der Rechner einfach stehen und verweigerte jegliche Kooperation. Ich entschied mich, den Test mit eingebauter nVidia-Grafikkarte zu wiederholen. Es traten keinerlei Fehler in der grafischen Darstellung mehr auf und der Rechner lief flott und stabil, bei dem auf 512 MB begrenzten RAM leistet zRam sicher einen gewichtigen Beitrag.
Als nächstes galt es, die Neuinstallation von XP vorzubereiten. Eine Installation-CD mit Produktcode gab es nicht. Statt dessen wurde der Rechner damals mit einer Recovery-Partition und einer CD zum Wiederherstellen des Auslieferungszustandes geliefert. Im Handbuch war das Rücksetzen auf den Auslieferungszustand verständlich beschrieben. Leider scheiterte der Versuch daran, dass die Recovery-Partition leer war. Ohne die dort ursprünglich vorhandenen Dateien ist die Wiederherstellung nicht möglich. Damit war Teil Eins meines Planes nicht umsetzbar.

Die Festplatte war in drei Partitionen aufgeteilt: C:\ für System und Daten, D:\ für Backup und E:\ war die Recovery-Partition. Mit GParted machte ich D:\ und E:\ den Gar aus. Auf dem freien Platz richtete ich eine erweiterte Partition ein, denn ich würde mindestens drei Partitionen benötigen:

  • /dev/sda5 als linux-swap mit 512 MB
  • /dev/sda6 als / (root) mit 8 GB, Dateisystem ext4
  • /dev/sda7 als /home mit 28 GB, Dateisystem ext4

Die Installation lief gewohnt schnell, den Bootloader packte ich natürlich in den Master Boot Record /dev/sda, denn wir wollten ja Dualboot mit Windows.

Der Neustart brachte die erwartete Auswahl im Grub-Menü. Windows startete wie gewohnt, also sehr zäh, obwohl ich schon ein wenig aufgeräumt hatte. Eine Neuinstallation wäre wirklich angeraten, aber so ohne Installationsmedium nicht durchführbar.
KANOTIX lief wie erwartet rund und flott.

Host/Kernel/OS „KanotixBox“ running Linux 3.11.0-4-generic i686
[ Kanotix acritox-TrialShot Dragonfire32 131020a LXDE ]
CPU Info AMD Sempron 3000+ 512 KB cache flags ( sse ) clocked at [ 1998.736 MHz ]
Videocard NVIDIA NV34 [GeForce FX 5200] X.Org 1.12.4 [ 1024×768 @85hz ]
Network cards VIA VT6102 [Rhine-II], at port: ec00
Processes 109 | Uptime 8min | Memory 92.3/495.4MB | HDD ATA ST380011A Size 80GB (12%used) |GLX Renderer Gallium 0.4 on NV34 | GLX Version Yes | Client Shell | Infobash v2.67.2

Eine komplette Office-Suite zu installieren, hieße den begrenzten Plattenplatz zu verschwenden, weil mein Freund niemals auch nur ansatzweise alle Funktionen und Möglichkeiten nutzen würde. Also einigten wir uns auf AbiWord und Gnumeric, die nach seinem Bekunden von der Bedienung her keine große Umstellung zum bisher verwendeten Microsoft Works bedeuteten. Die Möglichkeit, aus der Anwendung heraus die Dokumente als PDF erzeugen zu können, begrüßte er ausdrücklich. Diese Funktion hatte er bisher vermisst.
Nun hieß es, die Peripherie zu installieren.

Drucker, Scanner & Co.

Der Drucker ist ein HP PSC 1100, ein Multifunktionsgerät mit Scanner und Kopierer. Im Live-Betrieb hatte sich gezeigt, dass dieses Gerät von CUPS erkannt und unterstützt wird, die Druckqualität ist ansprechend. Das installierte Simple Scan erkannte den Scanner und arbeitete tadellos.

Es stand mit dem EPSON PERFECTION V100 PHOTO ein weiterer Scanner bereit, der mit Zusatzequipment zum Einscannen von Dias geeignet ist. Hier musste ich von der Herstellerseite den entsprechenden Treiber herunter laden und installieren. Auch das klappte, und der Scanner tut nun, was ihm aufgetragen.

Die Webcam TRUST WB-1400T funktionierte mit Skype im Live-Betrieb auf Anhieb. Nach der Installation verweigerte sie den Dienst in Skype, arbeitet mit anderen Programmen jedoch klaglos. Ich erinnerte mich an eine Sache namens PRELOAD, und richtig, das war die Lösung. Ich hackte die folgenden zwei Zeilen in das Skript /usr/local/bin/skypestart.sh:

#!/bin/bash
LD_PRELOAD=/usr/lib/i386-linux-gnu/libv4l/v4l1compat.so /usr/bin/skype "$@"

Anschließend verpasste ich ihm die passenden Attribute:

chmod +x /usr/local/bin/skypestart.sh

Jetzt brauchte ich nur noch den passenden Starter auf dem Desktop. Da war ich ausnahmsweise mal bequem und erledigte das mit der Maus. Die Datei ~/Desktop/skype.desktop hat folgenden Inhalt:

[Desktop Entry]
Name=Skype
Type=Application
Exec=skypestart.sh

Als letztes prüften wir, ob sich das Mobile Phone mit dem Rechner verbinden ließ. Es ist ein Nokia 6700 slide, und es bietet die Verbindung im Modus „Massenspeicher“ an. Auf diese Art ist es über ein USB-Kabel sehr einfach mit dem PC zu verbinden und die betreffenden Daten können bequem im Dateimanager hin und her geschoben werden.

Das Ergebnis

Der Rechner verfügt nun über DualBoot. Die Mehrheit der anfallenden Aufgaben erfüllt er mit KANOTIX Dragonfire und ist nach weniger als einer Minute arbeitsbereit, ganz zur Begeisterung seines Benutzers. Drucker und beide Scanner funktionieren einwandfrei. Das Mobile Phone lässt sich anschließen, und die Daten können manipuliert werden.

Ausgabe von df -h:
ausgabe-df-h

Ausgabe von free -h:
ausgabe-free-h

Es ist also ausreichend Platz für das System vorhanden. Die Systempflege werde ich mittels Fernwartung übernehmen. KANOTIX läuft flüssig und stabil, viel Arbeit gibt es da wohl nicht. zRam sorgt für eine effiziente Ausnutzung des Arbeitsspeichers, wie auch weiter oben im Infobash zu sehen ist.

Fazit

Auch ein altes Schätzchen muss nicht zum alten Eisen gehören, wenn es zu den Anforderungen seines Benutzers passt. Hier geht es um E-Mails, Surfen im Netz, Kommunikation über Skype, Textverarbeitung und Tabellenkalkulation in geringem Umfang, Scannen von Handskizzen und Umwandeln in PDF und vielleicht auch mal ein kleines Spielchen zwischendurch.
Die begrenzten Hardwarevoraussetzungen erfordern den Einsatz einer ressourcenschonenden Benutzeroberfläche. KANOTIX mit LXDE bietet hier einen guten Kompromiss.

Für einen Umsteiger von Windows XP fühlt sich LXDE gar nicht so fremd an. Er muss sich nur daran gewöhnen, dass er nicht auf „Start“ drücken muss, um den Rechner herunter zu fahren…

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