Die Reise ins Ich

Auch wenn es der Titel implizieren mag – es soll hier nicht um die gleichnamige Sci-Fi-Komödie gehen.
Während ich diese Zeilen schreibe, plagen mich schmerzende Glieder und Gelenke. Betroffen sind die unteren Extremitäten, und dort besonders die Vorderseite der Oberschenkel und die Waden. Es ist ein heftiger Muskelkater, den ich bei dieser Reise als Andenken nach Hause gebracht habe.

Es begab sich also, dass ein paar unverdrossene Teilnehmer der Qualifizierungsmaßnahme, die ich hier schon oft thematisierte, übereinstimmend den Wunsch äußerten, nach viermonatigem virtuellen Beisammensein sich auch einmal körperlich und in Echtzeit gegenüber treten zu können. Ein sehr netter Kollege erklärte sich bereit, die Fäden der Organisation eines solchen Treffens in die Hand zu nehmen. Die Resonanz war allerdings nicht so umwerfend, wie erhofft. Ich bedauere dies, denn ich hätte gern noch mehr Teilnehmer persönlich kennen lernen wollen. Aus Respekt vor dem organisatorischen Aufwand, den Matthias da betrieb und getrieben von der Neugier auf die Menschen nahm ich die weite Anreise nach Oberbayern auf mich. Die selben Gründe mögen wohl auch Philipp bewogen haben, ebenfalls anzureisen. So waren wir dann immerhin zu dritt (später erwähnte Philipp, dass er kein Skat spielt, das wäre also sowieso ausgefallen).
Herzlich wurde ich am Freitag nachmittag vom Organisator Matthias und seiner Familie aufgenommen. Wir waren uns sofort sympatisch und schwatzten drauf los. Beim Abendessen – es gab Gegrilltes und leckere Bratkartoffeln – eröffnete Matthias die Planung für den Samstag. Da wir im Vorfeld schon eine Bergwanderung leichten Kalibers als Schönwettervariante verabredet hatten, konnte Matthias eine Route vorbereiten.

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Nach dem Frühstück und dem Verstauen von Vorräten ging es dann los. Es waren noch ein paar Kilometer zu fahren, ehe wir in den richtigen Bergen waren. Das Ziel war die Talstation der Gondelbahn Füssener Jöchle im Tannheimer Tal, Tirol.
Wir schnürten unsere Schuhe, warfen die Rucksäcke über und bestiegen die Bahn. Matthias hatte den Tannheimer Höhenweg von der Bergstation Füssener Jöchle zum Aggenstein ausgewählt und die Strecke inklusive Abstieg mit etwa vier Stunden beziffert. Ich hielt es für machbar, vor allem auch angesichts der Bergfahrt mit der Seilbahn. Dem bevorstehenden Abstieg sah ich gelassen entgegen, schließlich ging es bergab, und als blutiger Anfänger – es war meine erste Bergtour überhaupt – hatte ich die romantische Vorstellung von lockerem Wandern. Ach, wie sollte ich mich täuschen…

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Frohgelaunt schritten wir also los. Erstes Etappenziel war der Gamskopf in 1890 Metern Höhe. Ich bekam die Gelegenheit, zum ersten Mal ein Gipfelkreuz zu berühren. Bis hierhin war alles noch ganz leicht, hatten wir doch kaum siebzig Höhenmeter überwinden müssen, und der Weg von der Bergstation bis zum Gamskopf war recht kurz. Die Aussicht war beeindruckend, nur leicht getrübt durch dunstige Schleier, die eine echte Fernsicht verhinderten. Der Blick auf den sich schlängelnden Wanderweg ließ leichte Zweifel in mir aufsteigen, denn er zeigte mir, dass es kein leichter Weg werden würde bei all dem Auf und Ab. Nach endlos scheinender Wegstrecke gelangten wir an die Hütte auf der Sebenalm. Von hier aus hatten wir freien Blick auf das eigentliche Etappenziel: die Kissinger Hütte am Aggenstein. Die Entfernung war schwer zu schätzen, und wir besprachen das weitere Vorgehen.
Ein vorzeitiger Abstieg kam nicht in Frage, denn irgendwie wollten wir zwei Anfänger uns nicht lumpen lassen. Also beschlossen wir, noch ein Stück weiter zu gehen, dann eine Pause einzulegen und ein paar von den eingepackten Vorräten zu vertilgen. Insgeheim beglückwünschte ich mich zu meiner Entscheidung, statt der Turnschuhe doch die festen Treter mit der dicken Sohle angezogen zu haben. Die dünne Sohle der Turnschuhe hätte mir sicherlich zusätzliches Martyrium beschert. Mittlerweile spürte ich nämlich die Anstrengung des Auf und Ab auf dem Geröllweg. Richtig schlimm wurde es immer dann, wenn es ein Stück abwärts ging. Nach einiger Zeit schmerzten die Waden und begannen zu zittern. Dann war ein Anstieg geradzu willkommen, und ich begriff schnell, dass so ein Abstieg keinesfalls leichter und angenehmer ist als ein Aufstieg.

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Nach einer größeren und ein paar kleineren Pausen kamen wir endlich an der Kissinger Hütte an. Eine Stärkung war jetzt notwendiger denn je, denn der für die gesamte Tour eingeplante Zeitrahmen war bereits hier – wie auch meine körperlichen Reserven – schon fast vollständig ausgeschöpft.
Ich entschied mich für Leberkäse mit Brot – in der klaren Bergluft hätte mir sicherlich alles geschmeckt – und ein isotonisches Sportgetränk. Herrlich, so ein frisch gezapftes Hefeweizen nach dieser Tortur!

Derart gestärkt machten wir uns an den Abstieg. Und der ging richtig an die Substanz! Schon nach zehn Minuten zitterten und schmerzten die Waden. Der Unterschied zum Treppensteigen liegt darin, dass es keinen ebenen Untergund gibt und die „Stufen“ unterschiedlich hoch sind.

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Ich merkte, wie ich langsam an meine Grenzen kam. Jeder Schritt abwärts stach und schmerzte, und der Wunsch, mich einfach abseits ins Gras zu legen, wurde immer größer.
Irgendwann war der Abstieg dann doch geschafft. Ich war es auch. Wir hatten für die Tour etwa sechseinhalb Stunden benötigt.

Trotz der Quälerei und der Schmerzen war meine erste alpine Wanderung ein großartiges Erlebnis. Wir haben unterwegs über Gott und die Welt geschnattert und uns an so manchem grandiosen Bergblick erfreut. Und ich habe zwei bodenständige Jungs getroffen, mit denen ich einen richtig guten Tag verbracht habe.
Nach der Rückkehr im Haus unseres Gastgebers und der fälligen Dusche besuchten wir die benachbarte Gastronomität. Im Biergarten füllte ich sogleich die leeren Speicher mit wertvollen Vitaminen und Spurenelementen in Form einiger frisch gezapfter Kellerbiere und einer zünftigen Schweinshaxe auf. Gut gelaunt ließen wir den Tag Revue passieren und ich mir nichts von den Schmerzen in den Beinen anmerken.

* * *

Ich habe das unverschämte Glück gehabt, an diesem Wochenende sehr herzliche und gastfreundliche Menschen kennen gelernt zu haben. Allein das war es wert, die Anreise von fast vierhundert Kilometern und die Strapazen der Bergwanderung auf mich zu nehmen. Matthias hat mich mit seiner Begeisterung für die Berge und die Schönheit der Natur angesteckt und mir damit ein unvergessliches Erlebnis beschert. Ich habe mich erholt, auch wenn mir die schmerzenden Beine anderes vermitteln wollen. Ich habe Kraft getankt und Selbstvertrauen gewonnen.
Und neue Freunde…

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2 Gedanken zu „Die Reise ins Ich

  1. Neidzerfressen!!! Aber wenigstens hat der dritte Mann gefehlt *Ätsch_schadenfroh*! Wir lernen vieles: Mit’m Maul sinnse alle dabei (aber richtig iss nur auf’m Platz), (Weiter-)Bildung bildet, bergab iss schlimmer als bergauf!!, ein dritter Mann muss immer zur Hand sein.

    • Die Schadenfreude läuft sicher ins Leere, denn angesichts dieser vollkommen mit Gegend ausgefüllten Landschaft wäre es aus meiner Sicht ein Frevel, die Zeit mit einem schnöden Kartenspiel tot zu schlagen. Es war auch mehr ein satirischer Seitenhieb auf den Pawlowschen Reflex, der sich bei der Erwähnung einer dreiköpfigen Herrenrunde einstellen mag.
      Was die übrigen Leute von einer Teilnahme an diesem Treffen abhielt, entzieht sich meiner Kenntnis. Mir ist konkret auch nur von einem Mann bekannt, dass er gern erscheinen wollte, dann aber beruflich verhindert war. Ich mag es daher nicht beurteilen, ob da jemand die Klappe zu weit aufriss, denn ein Großteil hat nie eine Teilnahme in Aussicht gestellt und dann zurück gezogen.
      Es ist trotzdem bedauerlich, aber eben nicht zu ändern. Das Erlebnis war auch zu dritt einfach großartig.

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