Die Last des Alters

Nur noch ein halbes Jahr vom SGB-II-Bezug entfernt, stelle ich mir hin und wieder die Frage, welchen Sinn es noch macht, sich anzupreisen, sich in schillernden Farben zu präsentieren, all die nichtssagenden und leeren Floskeln der BeWeEller-Fuzzies in gestelztes Deutsch zu bringen, sich zu verbiegen und zu verstellen, wo mit einem einzigen Blick an die richtige Stelle der Vita doch alles gesagt scheint.

Auslandserfahrung. Angeblich soll sie sehr förderlich für die so genannte Karriere sein. In den fünfzehn Monaten, in denen ich als Einzelkämpfer in Singapore lebte und arbeitete, konnte ich jede Menge Erfahrung sammeln. Dass man zum Beispiel gar nicht erst zum Zug kommt, wenn man meint, mit gewinnendem Auftreten, gebügeltem Hemd und einer schicken PowerPoint-Präsentation auf dem Laptop die Konferenzräume und Herzen der Entscheider stürmen zu können. Dass man zum Beispiel unbedingt ein enges Netzwerk von Kontakten braucht, das einem die nötigen Empfehlungen verschafft, um überhaupt in die Lage zu kommen, seine Visitenkarte übergeben zu dürfen. Dass man die kulturellen Gepflogenheiten des Gastlandes kennen muss, um den soeben angebahnten geschäftlichen Kontakt durch das richtige Verhalten weiter hegen und pflegen zu dürfen. Dass der Aufbau eines solchen Netzwerkes sehr viel Zeit und Anstrengung kostet, bis er in ein erstes Projekt mündet, welches realisiert werden kann.
Unnötig zu erwähnen, dass ich gewissermaßen nebenbei meine Englischkenntnisse aufpolierte.

Lernfähigkeit. Angeblich soll sie förderlich sein, wenn man einem potenziellen Arbeit“geber“ nachweisen kann, dass man über sie verfügt. Diverse Zertifikate dienen dazu, den in Deutschland vorherrschenden Drang nach Beglaubigung deklamierter Fähigkeiten mittels eines Papiers zu befriedigen. Ich war der Ansicht, dass selbst das jüngst erworbene Zertifikat LPIC-1 diesem Zwecken dienen müsste und davon kündet, dass ich selbst noch willens und in der Lage bin, mir Wissen anzueignen.

Berufserfahrung. Angeblich soll sie förderlich für die so genannte Karriere sein. Belegt man doch damit, dass man neben profunder Sach- und Fachkenntnis auch über eine gewisse Routine und Besonnenheit bei der Beherrschung unvorhergesehener Situationen verfügt. Außerdem versetzte sie mich in die Lage, zielgenaue Fragen zu stellen, um ohne Umweg die Anforderungen eines Kunden auf den Punkt zu bringen. Unnötig, da noch einen Absatz zum Punkt Sozialkompetenz zu eröffnen.

Mein bewegtes und mitnichten geradliniges Berufsleben verleitet so manchen Leser meiner Vita und meines Profils in diversen Karriereportalen, mir seine Neugier in Form von Stellenangeboten zu offenbaren. Oft klingen dann die Nachrichten sehr zuversichtlich und positiv. Leider hält meine Zuversicht nicht sehr lange an, denn nach dem Versand meiner Unterlagen, den ich bevorzugt per E-Mail erledige, treffen die Absagen recht schnell ein. Die Regel ist ein halber Tag, der zwischen Sendung und Antwort liegt; der Spitzenreiter brauchte nur neunzig Minuten, hat aber tatsächlich behauptet, meine Unterlagen eingehend und ausführlich geprüft zu haben, und natürlich hätte die Entscheidung nichts, aber auch gar nichts mit meiner Person zu tun…

Ich bin ja nicht mit dem Klammersack gepudert. Natürlich hat sie das. Ein Blick auf mein Geburtsdatum genügt. Das erklärt die sehr schnellen Absagen. Mit fünfzig Lenzen hängen die Trauben eben schon sehr hoch am so genannten Arbeitsmarkt. Wenn ich mir dann noch überlege, wie lange ich nach dem Willen der neoliberalen Politik meine Haut noch zu Markte tragen soll, wird mir auch nicht wohler.

Auslandserfahrung? Lernfähigkeit? Berufserfahrung? Ab einem gewissen Alter zählt das alles nicht mehr. Nein, ich mache mir da nichts mehr vor. Die Chance, dass ich ab kommenden Jahr sehr viel Zeit haben werde, ist erheblich größer als die, noch einmal eine wirkliche berufliche Perspektive für die nächsten siebzehn Jahre zu bekommen. Mindestens siebzehn Jahre…

* * *

An dieser Stelle kommt mir ein Sprichwort in den Sinn:
„Pessimisten sind Optimisten mit mehr Erfahrung.“

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8 Gedanken zu „Die Last des Alters

  1. Mein lieber Totschka,
    bloss nicht aufgeben. Sicher ist das eine wenig schöne Erfahrung die du da gerade machst, aber ganz so hart wird man in unserem Alter nun doch nicht ausschliesslich nach diesem Kriterium beurteilt. Einfach noch nicht den richtigen Menschen erwischt würde ich sagen, denn es sind Menschen die dich da beurteilen und auch da sitzen Leute mit dem Makel das halbe Jahrhundert schon vollendet zu haben.
    Du erfüllst eine Menge sogenannter „Skillpoints“ wie du ja in deinem Text ausführst. Ich nehme an du bewirbst dich im Moment im Bereich IT/Systemadministration? Und gerade da fehlt dir (wahrscheinlich) eben die Berufserfahrung. Vielleicht solltest du deine berufliche Neuorientierung ausführlicher begründen, deine Ambitionen in diesem Bereich klar machen und hier vielleicht mal von den „nichtssagenden Floskeln“ abweichen.
    Ich weiß, wer nicht betroffen ist, kann klug reden. Wünsche dir viel Glück und noch einmal: nicht aufgeben.

    Karsten

    • Naja, die eine Absage war nur der Auslöser für diesen Artikel, das gärt schon länger.
      Aber immerhin war aus meinen Profildaten ersichtlich, dass ich im Bereich IT nicht über aktuelle Berufserfahrung verfüge, insofern unterstelle ich mal, dass die einzig relevante Zusatzinformation aus meinem Lebenslauf das Geburtsdatum war.

      Aber wie schon gesagt, das war nur noch der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Natürlich mache ich weiter, was bleibt denn auch anderes übrig? Die Repressionswerkzeuge des Staates sind mächtig…

  2. Hallo Ralf,
    Deinen Frust verstehe ich nur allzu gut.
    War ja selber mal durch solch ein Sieb gerutscht, obwohl ich als Bauigenieur genau die Baumärkte im Osten Europas gebaut hatte, welche man dann später in Russland bauen wollte.
    Und obwohl ich russisch spreche, war ich dann raus aus dem Rennen, weil ich mit 53 damals durch das Sieb fiel, welches bei dieser Kette nur bis 50 ging. Wie die hieß ?
    „Alles in O.I“ sag ich da nur, denn die suchten damals.
    Schizophren, das Ganze.

    Mit den besten Wünschen aus dem fernen Osten !
    Frank, der Mongoleifan

  3. Totschka, Kopp hoch, schließe mich kussaw und Frank an. Zu den Relitäten hatte ich Dir vor längerem schon ‚was gesagt … ich darf seit 53 1/2 suchen, bin jezz ’63 … da die meiste Zeit selbständig (und die beste aller Ehefrauen EK hat) hab‘ ich keinen Anspruch auf irgend’was. Trotzdem: Dess Lebe gehd weider, gell!

  4. Frage: Warum muss ich mich jedesmal bei WordPress einloggen, obwohl ich jedesmal ’n Häkchen bei Passwort merken mache? Dess iss langweilisch! 😦

    • Sind Cookies im Browser erlaubt? Falls nicht, könnte das ’ne Erklärung sein. Ansonsten habe ich bemerkt, dass WordPress ab und zu mal neue austeilt, die auch von mir eine erneute Anmeldung erfordern.

  5. Jungs, ich danke Euch für die Wünsche und den Zuspruch. Natürlich geht das Leben weiter. Ich habe auch noch eine Idee im Kopf, die mit Selbständigkeit zu tun hat. Diverse Zertifikate könnten mir dabei dienlich sein. Hat im weitesten Sinne mit Support zu tun, im engeren Sinne schwebt mir eine Art Begegnungsstätte vor, in der hauptsächlich praktische Tipps und Hilfestellungen geleistet werden, natürlich unter den wachsamen Augen des Tux, aber nicht ausschließlich. Da sind meine Gedanken bei Workshops, Vorträgen, Reparaturen, Installationsservice, Hardwareverkauf, Café, Key Signing Parties, Klönschnack etc. noch lange nicht am Ende. Außerdem gibt es Bildungsträger mit akutem Mangel an Trainern mit Linux-Erfahrung, wie ich gehört habe.

    Je spinnert eine Idee, desto besser…

    Nein, ich stecke den Kopf nicht in den Sand, ich mache mir nur nichts mehr vor.

  6. … ich mache mir nur nichts mehr vor.

    Der erste Schritt: Realitäten anerkennen!

    Nein, ich stecke den Kopf nicht in den Sand, …

    der zweite Schritt: Dranbleiben! Wir drücken sämtliche Daumen.

    Cookies? Nein, keine Plätzchen im Haus (machen dick ;-))

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