Grenzenloser Optimismus

Zur Zeit befasse ich mich mit Analysen und Nachdenken über meine berufliche Zukunft. Nebenher muss ich konzentriert auf die Abwicklung des Vergangenen schauen, um nicht den Erfolg der eingereichten Kündigungsschutzklage zu gefährden. Deshalb werde ich im Moment auch keine Informationen zum Fortgang der Geschichte veröffentlichen. Die Zeit zur Abrechnung wird kommen… Es ist Geschichte, jetzt heißt es, Lehren daraus zu ziehen und nach vorn zu schauen.

Den berufspolitischen Optimismus einer Frau von der Lügen mag ich nicht unbedingt teilen. Ich hatte auch nicht erwartet, dass auf meine Bewerbungen umgehend euphorische Begeisterungsstürme losbrechen und ich Schwierigkeiten bekäme, alle Einladungen zu Vorstellungsgesprächen konfliktfrei im Terminkalender unterzubringen. Aber dass neunzig Prozent der Empfänger es nicht schaffen, innerhalb von drei Wochen zumindest den Eingang der Bewerbung zu bestätigen, spricht schon für sich! Gut, es mag auch daran liegen, dass ich mich prinzipiell nur per E-Mail bewerbe. Da kann schon mal die eine oder andere Nachricht verloren gehen, wenn der Empfänger nicht aufpasst oder der Systemadministrator…

Die Suche in den einschlägigen Portalen im Netz gestaltet sich momentan auch nicht wirklich erquickend. Mir hat das Engagement im Ausland eine dicke Steuernachforderung eingebracht. Natürlich gibt es ein Doppelbesteuerungsabkommen, aber da ich meinen Hauptwohnsitz hier in Good Old Germany behielt – wie sich nun herausstellt, war es eine zweckmäßige Entscheidung – und wir für meine Frau eine günstige Steuerklasse wählten, schlug das Finanzamt unerbittlich bei der Progression zurück und holte sich einen großen Teil meiner Ersparnis zurück. Das bedeutet jetzt, dass ich vorläufig auf die Hilfe der zahlreichen privaten Jobvermittler verzichten kann.

Zum fragwürdigen Glück wurde die Regelung über die Vergabe von Vermittlungsgutscheinen durch die Bundesagentur für Arbeitslosenverwaltung dahingehend „modernisiert“, dass der Antragsteller so ein Ticket nicht mehr wie vorher nach sechswöchiger Abstinenz vom Arbeits“markt“, sondern jetzt schon ab dem ersten Tag der Arbeitslosigkeit bekommen kann. Kann, nicht muss… Trotzdem ändert es nichts daran, dass das Jobportal der Agentur von unzähligen Angeboten unzähliger Privatvermittler durchsetzt, ja geradezu überflutet ist. Meiner Meinung nach ist dieser Zustand schon für sich ein Skandal, weil hier die Agentur ihrer innewohnenden Grundfunktion überhaupt nicht mehr nachkommt und der Staat ein Heer von privaten Vermittlern alimentiert. Ein erster Impuls war, mich ebenfalls in dieses staatliche Versorgungssystem einzuklinken. Als zweites Standbein gründe ich dann ein Unternehmen, das geeignete Maßnahmen der Qualifizierung und Aktivierung der Arbeitssuchenden anbietet und ebenfalls mit staatlichem Geld am Leben erhalten wird. Bastel- und Malstunden, ein wenig Bewegung im Park und lauwarme Tipps für erfolgreiche Bewerbungen vornehmlich älterer Arbeitssuchender kann ich liefern.

Tschakka!

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4 Gedanken zu „Grenzenloser Optimismus

  1. Es ist schlimmer, als du denkst. Ein großer Teil der Stellenangebote auf dem Portal des Arbeitsamtes existiert gar nicht. Insbesondere die Sklavenhändler der Verleihfirmen stellen auf Vorrat Suchanzeigen ein. Eine davon hat zwei unserer abgekündigten Leiharbeiter entlassen, obwohl für haargenau deren Stelle noch ein Stellenangebot in der Datenbank stand.
    Nachfrage: Das Arbeitsamt weiß das, sieht sich aber außer Stande, die Angebote zu überprüfen. Von den angeblich in Deutschland existierenden tausenden freien Stellen lösen sich bei näherem Hinschauen bestimmt ein Drittel in heiße Luft auf.
    Vielleicht solltest du einfach bei der Firma anrufen, ob sie es ernst meint. Immerhin beweist das Engagement und Mitdenken – das sollte für einen Bonuspunkt gut sein. Für die Vermittlerei braucht man eine amtliche Genehmigung. Das ist nicht so trivial, wie es aussieht. Aber vielleicht bietet das Arbeitsamt ja Kurse an 😉

  2. Mir scheint, ich hätte die Einleitung „Es ist schlimmer, als du denkst.“ schon einmal gelesen. 😉
    Bisher habe ich aus genannten Gründen auf die Dienste der privaten Vermittler verzichtet. Ich gebe auch der Agentur keine Alleinschuld an den vorherrschenden Zuständen, die sind von der Politik so eingefädelt worden. Heute las ich irgendwo, dass die Agentur trotz der „brummenden Konjunktur“ arge Finanzierungsprobleme haben soll. Das geht nur zusammen, wenn ich die Meldung unter der Prämisse betrachte, dass es politisch so gewollt ist.
    Dass es umtriebige Zeitgenossen gibt, die die Vorgaben aus der Politik nutzen und zu ihrer Geschäftsgrundlage machen, werfe ich ihnen nicht vor. Dass da möglicherweise das eine oder andere schwarze Schaf darunter ist, ist eben der Lauf der Welt, das gibts überall.

    Für mich war es nur ein satirisches Gedankenmodell, selbst in diese Kreise einzusteigen. Ich habe gewisse grundlegende Auffassungen, mit denen ein solches Geschäftsmodell höchstwahrscheinlich kollidiert. Lieber würde ich Kurse veranstalten, in denen ich interessierten Besuchern erkläre, wie einfach es ist, einen Computer gänzlich ohne käufliche Produkte aus Redmond oder Cupertino einzurichten und effektiv zu benutzen. Kapitalismuskritik nicht nur in der Theorie, sondern mal ganz praktisch, gewissermaßen quasi. 😉

  3. Ich finde das Gedankenmodell eigentlich gar nicht so blöd. Ich habe mich schon mehrfach gefragt, warum die Leiharbeiter nicht einfach eine Genossenschaft aufmachen und sich selbst verleihen. Damit hätten sie zwar das unternehmerische Risiko, aber das tragen sie derzeit auch mehr oder weniger. Dafür bekämen sie 100 % des Geldes. Aber die Leiharbeiter streiken noch nicht einmal, wenn die Gewerkschaft für bessere Bedingungen für Leiharbeiter auf die Straße geht. Das ist … schwer verständlich.
    Vermittlung ist natürlich noch etwas Anderes als Verleih. Die Vermittlung wird für das einstellende Unternehmen unter Umständen richtig teuer. Denn die Vermittler schaffen keine Stellen, sondern finden nur einen Bewerber zur Stelle. Mal davon abgesehen, dass dafür eigentlich das Arbeitsamt da sein sollte, ist dieses Geschäftsmodell weniger schweinehaft als der Arbeitskräfteverleih, wo die Arbeiter die Zeche zahlen.

    • Liegt es möglicherweise daran, dass sich die Mitglieder einer solchen Leiharbeiter-Genossenschaft zusammenschließen und für einander einstehen müssen? Es erfordert Mut, plötzlich weiter als bis zu seinem eigenen Tellerrand denken zu müssen, wo doch in dieser Gesellschaft die Solidarität aus der Mode gekommen ist.

      Mir scheint auch, dass da einem falschen Gott gehuldigt wird. Arbeit ist eben nicht alles im Leben, und ich kann der Losung „Lieber auf Geld verzichten, um den Arbeitsplatz zu behalten!“ nichts abgewinnen. flatter hat dazu geschrieben, und der hier ist noch einen Zahn schärfer

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