Stürmischer Abschied

Mittwoch, 15. August 2012

Leider ist der Aufenthalt in Korea viel zu kurz, und plötzlich ist die Rückreise da. Ich stehe eine halbe Stunde früher auf, um mehr Zeit zu haben. Ganz so, als könnte ich damit den Zeitpunkt des Abschieds irgendwie hinaus zögern. Ich weiß, dass das nicht geht, und trotz des guten Frühstücks, bei dem ich noch einmal aus dem Vollen schöpfe, spüre ich die Wehmut des Abschieds. Freude und Schmerz wechseln sich ab, als ich noch einmal den gemeinsamen Abend mit Dannys Familie erinnere. Die herzliche Verabschiedung durch das Hotelpersonal lindert meinen Gefühlsspagat etwas. Wir haben bis zur Abfahrt des Busses noch etwas Zeit, und der Hotelmanager fragt mich nach meinem Eindruck. Ich lobe das Hotel, und ich erwähne, dass mir nicht gefällt, dass das Restaurant nur zum Frühstück geöffnet ist. Der Manager ist dankbar, dass ich ehrlich bin. Ich sage ihm noch, dass ich das Hotel jederzeit weiter empfehlen kann. Das macht ihn froh, weshalb er meine schwere Messgerätekiste persönlich zum Bus bringt. Ich sage das nicht nur so, sondern kann es aus eigenem Erleben wirklich bestätigen: das Landmark Hotel in Suwon ist eine Empfehlung!

Der Bus fährt direkt vor dem Hotel ab. Ich frage den Chauffeur wegen der Bezahlung, doch er versteht mich nicht. Eine Frau dolmetscht, dass die Bezahlung erst an der nächsten Station erfolgt. Ich bedanke mich artig, setze mich und hänge schwermütigen Gedanken nach, die zum Wetter passen. Es regnet hin und wieder, der Himmel ist grau und wolkenverhangen, dazu geht ein heftiger Wind. Die Bezahlung später klappt reibungslos, beim Verlassen des Busses macht der Kassierer ein Verbeugung. Draußen wartet er geduldig, bis der Bus wieder losfährt. Er grüßt den Busfahrer mit einer weiteren Verbeugung.
Als der Bus nach knapp neunzig Minuten Fahrzeit die Incheon Bridge passiert, wird mir etwas mulmig. Es gibt einen heftigen Seitenwind, und trotz stark reduzierter Geschwindigkeit schlingert der Bus heftig. Mir wird erst wohler, als wir den Flughafen erreichen.

Als ich aus dem Bus steige, geht gerade ein ordentliches Gewitter herunter. Ich nehme mein Gepäck in Empfang und flüchte ins Terminal. Der Check-In geht gewohnt schnell, der nette Mitarbeiter erklärt mir noch, wo ich die Zollangelegenheiten klären kann. Der Zollbeamte schaut ein wenig deutsch – also leicht streng – auf die Papiere, dann jedoch geht alles sehr schnell. Virtuos schwingt er Stempel und Kugelschreiber, und nach wenigen Augenblicken halte ich die Papiere wieder in den Händen. Perfekt! Direkt neben der Zollabfertigung befindet sich der Aufgabeschalter für Sperrgepäck, so dass ich die große und schwere Kiste auch gleich los bin. Jetzt heißt es nur noch, das gemietete Mobiltelefon zurück zu geben. Auch diese Aktion klappt wie am Schnürchen, dass ich langsam zu der Einsicht gelange, dass ich doch noch eine Stunde hätte länger schlafen können.

Die Zeit bis zum Boarding vertreibe ich mir in der Lounge der Asiana Airlines. Sehr geschmackvoll eingerichtet, bietet die Lounge Rückzugsmöglichkeiten für die verschiedenen Ansprüche und die Versorgung für deren anspruchsvolle Mägen. Ich genieße und hänge meinen Gedanken nach, die immer noch ein wenig schwermütig sind. Ich weiß nicht, wann ich einen guten Freund wieder sehen werde, und das stimmt mich traurig. Andererseits freue ich mich, dass ich wieder nach Hause komme. Dieses emotionale Durcheinander verunsichert mich.

Boarding Time! Ich schlendere zum Gate. Eine nette Mitarbeiterin empfängt mich und eröffnet mir, dass ich mich noch etwas gedulden müsse, denn die Maschine sei beim Landeanflug auf Incheon von einem Blitz getroffen worden. Sofort schießt die Erinnerung an meinen letzten Heimflug aus Asien durch meinen Kopf. Damals gab es ein Problem mit der Treibstoffleitung, und ich verpasste meinen Anschlussflug. Sollte es diesmal auch wieder dazu kommen? Ich bin nicht sonderlich aufgeregt, eigentlich kann ich fast über die Situation lachen, und ich merke, dass sich ein gewisser Fatalismus breit macht. Ändern kann ich ja doch nichts.

Korea2012_018

Inzwischen inspizieren die Techniker die Maschine intensiv. Mit neunzig Minuten Verspätung wird das Boarding dann doch frei gegeben. Der Rest ist Routine, Start, Erreichen der Reiseflughöhe und Servieren des Essens laufen erwartungsgemäß. Ich gönne mir als Hauptgang Bibimbap, als könnte ich unvergessliche Momente noch einmal aufleben lassen. Es schmeckt ausgezeichnet. Das Bordpersonal gibt sich alle erdenkliche Mühe, der Service ist erstklassig. Selbst der Pilot gibt sein Bestes und holt eine knappe halbe Stunde der Verspätung wieder heraus. Ich vertreibe mir die Zeit mit dem Schreiben von Artikeln für dieses Reisetagebuch, schaue mir den Film „Russendisko“ an, der nicht annähernd so witzig ist wie Herr Kaminer selbst und seine Buchvorlage, und ich gebe mir Paul van Dyk in erhöhter Lautstärke. Schlafen kann ich nicht wirklich, dazu bin ich viel zu aufgewühlt.

Ich erreiche meinen Anschlussflug rechtzeitig und habe sogar noch Zeit für einen kurzen Imbiss. Der anschließende kurze Hüpfer von Frankfurt nach Leipzig verläuft erwartungsgemäß ohne Zwischenfälle. Es gibt einen kleinen Snack, das angebotene Eis muss ich dankend ablehnen, weil ich wirklich satt bin. Leipzig hat mich wieder, Zoll und Mietwagen sind innerhalb Minuten erledigt, und ich komme traurig, glücklich und müde zu Hause an.

* * *

Vor vier Jahren verließ ich Korea in einem Gewittersturm der Gefühle. Ich hatte neue Freunde gefunden und war froh und zugleich traurig, dass ich sie wieder verlassen musste. Jetzt geht es mir nicht besser. Ich habe einen guten Freund wieder getroffen, und kaum, dass ich die Zeit mit ihm und seiner Familie genießen konnte, war sie schon wieder vorbei. Ich bin zu Hause bei meiner Familie, und doch ergreift ein Gefühl Besitz von mir, das ich nicht beschreiben kann.

Heimweh…

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