Vom Arbeiten und der Großen Mauer

Montag, 13. August 2012

Der Tag beginnt mit dem Frühstück im Hotel. Ich wähle Western-Style, weil mir morgens der Sinn nicht nach Chinakohl, gebratenen Würstchen und Chilisauce steht. Das Rührei ist gut, die Toastscheiben schön cross und es gibt ein reichhaltiges Obstangebot. Wir werden nach dem Frühstück von einem koreanischen Kollegen abgeholt, und ich darf in einen Reinraum eines namhaften Elektronikherstellers hinein. Da bin ich schon ein wenig aufgeregt, weil es wahrscheinlich nicht sehr viele Europäer gibt, die dasselbe von sich behaupten können. Es klappt aber alles vorzüglich, auch dank der guten Vorbereitung seitens des Auftraggebers.
Mit dem Einschleusen der Ausrüstung und der Besichtigung des Prüfobjektes ist meine Arbeit an diesem Tag erledigt, so dass ich bereits zur Mittagszeit „Feierabend!“ sagen kann. Mit dem Taxi geht es zurück zum Hotel, der Fahrpreis ist moderat. Ich mache mich frisch und auf die Suche nach etwas Essbarem, denn mir knurrt der Magen. Nach wenigen Schritten habe ich ein kleines Restaurant gefunden, was mir auf Anhieb zusagt, Ich kann den außen angebrachten Schriftzeichen nicht entnehmen, um welche Art Restaurant es sich dabei handelt, zu meinem Glück haben sie eine bebilderte Speisekarte, was die Sache ungemein erleichtert. Ich bestelle eine Suppe mit Fleischeinlage, zumindest die Abbildung versprach selbiges. Ich werde nicht enttäuscht, denn erstens stimmt das servierte Essen weitestgehend mit dem Bild überein, zweitens ist der Geschmack ausgezeichnet und drittens fehlt es nicht an der landestypischen Schärfe. Mir läuft die Nase schon nach kurzer Zeit, was als Reakion auf die Schärfe schließen lässt.

Nach dem köstlichen Mahl genehmige ich mir beim Mud Coffee Man einen frischen Eiskaffee. „Mud Coffee“ steht auf dem orangefarbenen Mobil, welches er am Straßenrand geparkt hat. Im Inneren des Minibusses hat er sein Equipment entfaltet und bereitet mir einen frisch gebrühten Kaffee zu, den ich mit Eis bestelle. Die jungen Leute, die um den Bus herum stehen, sind neugierig und wollen wissen, woher ich komme. Ich sage es ihnen, und schon entspinnt sich eine kleine nette Unterhaltung und ich nippe am Kaffee.  Das Zeug weckt sicher Tote auf und schmeckt teuflisch gut. Weil sich gerade die Wolken verziehen, mache ich dasselbe, und zwar in den Schatten. So lässt es sich aushalten!
Nach dem Kaffeegenuss gehe ich zurück zum Hotel, um mich für meinen Freund Danny fein zu machen, denn wir sind für den Nachmittag verabredet. Ich habe insgeheim darauf spekuliert, dass ich ab dem frühen Nachmittag frei bin, dieser Plan geht tatsächlich auf.

Die Freude ist überschwänglich, echt und beiderseitig. Danny hat sich in den vier Jahren, die seit unserem ersten Treffen vergangen sind, nicht verändert. Er kontert das Kompliment mit der Bemerkung, dass ich sogar jünger aussähe, was ich ihm aber nicht abkaufe. Doch so habe ich ihn damals kennen gelernt, immer ein wenig lausbübisch.
Wir sprechen über geschäftliche Angelegenheiten und Aussichten und tauschen Grußnoten unserer Präsidenten und Geschäftsführer aus. Anschließend hält Danny eine Einladung für mich bereit. Wir gehen zu Abend essen, und danach will er mir einige Sehenswürdigkeiten zeigen. Ich freue mich, und Danny schlägt vor, dass ich in bequemere Kleidung wechsle. Das lasse ich mir nicht zwei Mal sagen. Zu meiner Überraschung lädt er unterwegs seine Frau und seine kleine Tochter ein. Die Frage, ob ich etwas dagegen hätte, dass sie uns begleiten, beantworte ich mit einem erbosten Nein, denn ich fühle mich wirklich geehrt.
Wir besuchen ein ziemlich beliebtes Steakhouse im Western Style, und obwohl Danny reserviert hat, müssen wir ein paar Minuten warten. Ich bin anfangs nicht sehr begeistert, verstecke das aber, so gut es geht. Ich meine nämlich, dass ich nicht um die halbe Welt reise, um anschließend in Asien westliches Futter zu konsumieren. Die Auswahl allerdings stimmt mich um, der Geschmack versöhnt mich dann endgültig. Wir wählen jeder ein Essen aus und stellen alles in die Mitte, um miteinander zu teilen.
Dannys Töchterchen ist ziemlich aufgeweckt, und stolz erzählt der Papa, dass sie schon vier sei. Nachtigall, ick hör Dir trapsen! Sofort erinnere ich mich, dass da was war. Richtig! Koreaner flunkern beim Alter. Sie machen sich ein Jahr älter, als wir gewöhnlich annehmen. Für Koreaner zählt die Zeit im Mutterleib schon als das erste Lebensjahr, und der Tag der Geburt ist bereits der erste Geburtstag. Ich ernte Anerkennung dafür, dass ich das weiß und bin ein wenig stolz. Wir unterhalten uns über die Probleme, die Kindererziehung machen kann und sind uns einig, dass sich koreanische und deutsche Familien darin wohl nicht unterscheiden.

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Nach dem Essen fahren wir zur Großen Mauer von Suwon. Sie kann mit dem Original in China nicht mithalten, wie Danny scherzhaft meint. Sie ist Bestandteil der Hwaseong-Festung. Danny erzählt mir sehr interessante Dinge über diese mittelalterliche Befestigungsanlage, die die alte Stadt Suwon umschließt und die das einzige Befestigungsbauwerk in ganz Korea sei, das über die Jahrhunderte niemals von den Japanern eingenommen worden sein soll. Mit Kennerblick beschreibt Danny die unterschiedlichen Ausrichtungen der Schießscharten und die Planung nach damaligen wissenschaftlichen Erkenntnissen, so dass mir nichts anderes übrig bleibt, als ihm zu glauben. Der Spaziergang entlang der Mauer ist gut nach dem reichhaltigen Essen, denn er regt die Verdauung an.
Wir fahren weiter zu einer Miniaturausgabe des Königspalastes. Die beiden Mädels ruhen sich aus, während wir den steilen Anstieg hinauf zu einer goldenen Buddha-Statue erklimmen. Schnaufend und schwitzend komme ich oben an, aber dafür hat sich die Kraxelei gelohnt.

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Beim Abstieg habe ich Zeit, die alten Häuser zu betrachten. Danny meint, dass dieses Sujet sehr beliebt ist bei koreanischen Filmemachern, denn es sei sehr gut geeignet für die Produktion historischer Spielfilme, die in den Siebzigern und Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts spielen. Historisch… Nun ja, wenn man die Geschichte dieses Landes kennt, weiß man, dass sie für die jungen Leute tatsächlich erst nach dem Ende des Koreakrieges beginnt. Dann sind vierzig Jahre sicher eine historisch zu nennende Zeitspanne.
Danny schlägt vor, seine Frauen zuerst nach Hause zu bringen und mich anschließend im Hotel abzuladen. Ich stimme zu und staune, dass sich seine kleine Tochter so wacker hält. Es sei in Korea aber normal, dass sich die Menschen abends nach draußen begeben, um zu essen oder zu lustwandeln, oder beides zu tun. Das machen sie gemeinsam mit ihren Kindern, wie mir Danny erklärt. Ich male mir das Geschrei und die erbosten Blicke zu Hause aus, die man ernten mag, beträte man an einem Wochentag abends um Neun ein Restaurant in Begleitung einer Dreijährigen…
Es ist ein netter Abend mit netten Gastgebern, was ich ihnen auch genau so sage. Dannys Tochter glänzt zum Abschied mit ihren Englischkenntnissen, in dem sie mir freundlich und unablässig „Good Morning!“ wünscht. Wir lachen alle.

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