Zeitreise (II)

Aber erst einmal feierten wir den denkwürdigen 40. Jahrestag unserer DDR. Im zurückliegenden Jahr hatte ich mir nichts zu Schulden kommen lassen, im Gegenteil, ich erledigte meine Arbeit recht ordentlich, und so wurde ich ganz planmäßig zum Hauptmann befördert. Man soll sich zwar nicht selbst loben, aber das wird man ja noch sagen dürfen…
Ein wenig seltsam kamen mir die Reden aus dem Palast der Republik schon vor. Nichts von der „Abstimmung mit den Füßen“, nichts von der Unruhe im Land – ziemlich realitätsfern.
In den aufregenden Tagen vorher erhielt ich auch noch meine Zulassung zum Fernstudium an der Akademie. Für einen kurzen Moment glaubte ich in diesen Tagen und Wochen, dass eine reformierte DDR eine Chance hätte, denn auch am Runden Tisch blitzte für kurze Zeit die Idee eines sogenannten „Dritten Weges“ auf. Aber es war nur ein Wetterleuchten.
Die damals angestoßene Militärreform war aus meiner Sicht überwiegend pragmatischer Natur, manchmal auch ein wenig aktionistisch.
Der 9. November schien schon immer ein sehr beliebtes und geschichtsträchtiges Datum der Deutschen zu sein. Doch mir schwante nichts, das Bild, dass ich von meinem Land hatte, schien ziemlich festgefügt. In guter Gesellschaft mit der späteren Kanzlerin bekam ich also zuerst einmal gar nichts mit von den Vorgängen in Berlin und verpennte fast den historischen Moment der Maueröffnung.
Nun war mir klar, dass ich wohl eine nächste Beförderung nicht mehr erleben würde.

Die Meldungen von der „Erstürmung“ verschiedener Dienststellen der bewaffneten Organe ließen uns aufhorchen und unruhig werden. Konkrete Lageeinschätzungen, Befehle oder Anweisungen „von oben“ kamen bis auf die Regelung der Westreisen für Offiziere, Fähnriche und Berufsunteroffiziere nicht. Also nahmen wir unsere Geschicke selbst in die Hand. Die Sicherung der Waffen, Munition und Kampftechnik schien uns die wichtigste Aufgabe damals, ein Chaos oder Anarchie musste unbedingt vermieden werden. Unsere Soldaten sahen das ähnlich, und so war Verlässlichkeit gegeben, auf beiden Seiten.

Auch setzten wir die Ausbildung mehr oder weniger planmäßig fort. Die Reformen brachten große Veränderungen, für die Einen positiver, für die Anderen eher schwierigerer Natur. Bald schon wurden die Unteroffiziere früher entlassen, um dem Turnus der Universitäten folgend, pünktlich ein ziviles Studium aufnehmen zu können. Wir standen so bald mit einem zahlenmäßig geschrumpften Personal da. Ordnung muss aber sein, in jeder Armee, also bildeten wir auch unter diesen Bedingungen aus.

Die Unteroffiziere scherzten, in welche Richtung wir denn nun unsere Raketen starten würden. Doch diese Frage hatte einen ernsten Hintergrund und war keinesfalls als Scherzfrage beabsichtigt, gleichwohl sie in lockerem Ton vorgebracht wurde. Bisher hatten wir immer eine Hauptstartrichtung von Ost nach West – der Fachmann sagt dazu 45-00 (sprich: fümmunvierzich-hundert) oder zweihundertsiebzig Grad – zu Grunde gelegt. Nun war uns aber quasi über Nacht die Bedrohung abhanden gekommen, und ich stand vor dem Dilemma, dass die Leute eine Antwort von mir erwarteten.
„Nun,“ sagte ich nach kurzer Überlegung, „starten wir eben nach Norden!“
Bei der Reichweite unserer Raketen von siebzig Kilometern war die Antwort sicher nicht erschöpfend, aber doch wohl für einen guten Kompromiss tauglich.
Wir einigten uns also auf die neue Hauptstartrichtung, obwohl ich sie auch einfach befehlen hätte können. Überhaupt habe ich damals sehr viel mit meinen mir anvertrauten Männern gesprochen, und ebenso viel zugehört. Mehr, als ich es vorher sowieso schon tat.
Wir nutzten die Zeit und hielten unsere zusammengeschrumpfte Einheit bei Laune und den Ausbildungsstand auf dem gewohnten Niveau. Wohltuend empfand ich damals, dass der ganze marxistisch-leninistische Weltanschauungsballast aus der Ausbildung spurlos verschwand. Plötzlich schafften wir auch ohne politische Überzeugungsarbeit, was mir vorher undenkbar schien: wir brachten die Jungs dazu, sich von selbst anzustrengen und ihre Aufgaben zu erfüllen. Ein deutliches Anzeichen dafür war die Tatsache, dass wir in meiner Einheit keinen einzigen Soldaten hatten, der sich in dieser Zeit einfach so verkrümelte. Ein paar Monate vorher war Fahnenflucht noch eine Straftat, die unerbittlich geahndet wurde. Aus anderen Einheiten hörte ich davon, wurde aber selbst von meinen Leuten mit solchen Botschaften verschont. Damals fuhren alle „rüber“, und alle kamen auch wieder zum Dienst zurück!

– wird fortgesetzt –

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