Zeitreise (I)

So kurz vorm zwanzigsten Jahrestag gehen mir natürlich auch Gedanken durch den Kopf, die mich zurückführen in die Zeit der großen Veränderungen. Große Veränderungen, die auch einen bedeutenden Einfluss auf den Verlauf meines bis dahin doch mehr oder weniger schnurgerade und planmäßig vorgedachten Lebenslaufes hatten. Es war ganz einfach: Ich hatte einen Plan, und plötzlich war der für die Katz‘. Das hört sich dramatischer an, als es dann tatsächlich war.

Im Frühjahr 1989 war die Welt für mich in Ordnung. Ich war Oberleutnant in der Nationalen Volksarmee, meinen Dienst versah ich bei den Raketentruppen in einem kleinen, aber feinen Truppenteil, das „Betriebsklima“ war für die damaligen Verhältnisse recht angenehm, kurz: die Chemie stimmte! Nach einem recht vielversprechenden Gespräch über meine künftige Laufbahn in der Armee saß ich im Märzen jenes denkwürdigen Jahres auf dem Balkon, genoss die Frühlingssonne und sinnierte über die große Karriere. Es lief alles nach Plan, im Kleinen bei mir, im Großen nach Fünfjahrplan, zumindest offiziell. Inoffiziell bekam ich irgendwie nicht viel mit. Ich war es jahrelang gewohnt, von den offiziellen Informationen zu zehren. Wenn die mir anvertrauten Soldaten berichteten, wie es „draußen“ in unserem Land aussah, wollte ich es nicht so recht glauben.
Also versah ich weiter meinen Dienst, bildete meine Soldaten und Unteroffiziere aus, so gut ich es vermochte und bewarb mich für ein Fernstudium an der Militärakademie. Ich wollte das Diplom erwerben, als Voraussetzung für die Erlangung höherer Weihen… oder Dienstgrade.
Im Sommer, als sich die Meldungen über Flüchtlinge aus unserem schönen Land häuften, redete ich mir ein, dass unsere Partei- und Staatsführung die Situation schon im Griff habe und wisse, was sie tue. Außerdem, und überhaupt, wer gehen wolle, der soll ruhig gehen. Werden schon sehen, was sie davon haben. Wegrennen ist auch keine Lösung.
Die erste Zäsur, der erste Ungehorsam kam mit einem denkwürdigen Informationsblatt. Irgendwann in dieser Zeit vernahm man ein leises Murren in der Bevölkerung, ein Unverständnis, die Preisfindung für ein Automobil betreffend. Seltsam, ja, ein Automobil. Es war ein Politikum! Der Wartburg 1,3 – ja, der mit dem VW-Motor – kostete damals schlappe dreiundreißigtausend DDR-Mark! Das waren knapp neuntausend mehr, als man für einen ladenneuen LADA 2105 hinlegen musste. Mal abgesehen davon, dass man nicht einfach so in ein Autohaus spazieren und beim Hinausgehen ein neues Auto sein Eigen nennen konnte, sorgte diese Preispolitik für ziemliche Aufregung. Also beschloss unsere kluge Partei- und Staatsführung, in einem Informationsblatt die Hintergründe dafür darzulegen.
Wir Vorgesetzten bekamen den Befehl, unsere Gruppen, Züge und Batterien antreten zu lassen und im Rahmen einer aktuell-politischen Information (das hieß damals so) den Inhalt dieses Blattes zu verlesen…
Zum ersten Mal führte ich einen Befehl bewusst nicht aus. An den Inhalt kann ich mich nicht mehr erinnern, ich weiß nur noch, dass ziemlich haarsträubender Unsinn darin stand und ich mir sicher war, mich damit zum Gespött meiner Leute zu machen. Auch fürchtete ich, ziemlichen Schaden für die bis dahin gut funktionierende Truppe und ihre Motivation anzurichten. Ich ließ also antreten, sprach über bevorstehende Ausbildungsschwerpunkte und erkundigte mich nach Fragen oder Anregungen. Abschließend erwähnte ich beiläufig, dass es ein Schriftstück gäbe, in welchem erklärt wird, weshalb der Wartburg so teuer sei. Wer Interesse hätte, könne dieses Blatt bei mir einsehen und zur Kenntnis nehmen. Es war niemand darauf erpicht. Anschließend unterschrieb ich, dass ich den Befehl ausgeführt hätte.

Der Ausbildungshöhepunkt einer militärischen Einheit ist ihre Taktische Übung mit Gefechtsschießen. So war es damals auch bei uns. Wir bereiteten uns auf die Übung vor, in deren Rahmen wir eine scharfe Rakete starten sollten. So verwundert es wohl nicht, dass ich mich in die Arbeit stürzte und kaum noch einen Gedanken für die Lage in unserem Land übrig hatte. Im September verlegte unsere Raketenabteilung auf den Übungsplatz. Anfang Oktober schlossen wir die Übung mit dem Start einer Rakete erfolgreich ab und kamen in jener Nacht zurück in unsere Betten, die als die Nacht, in der die Konterrevolution wütete, in die offizielle Berichterstattung der DDR eingehen sollte.
In Dresden entlud sich der Frust der Unzufriedenen angesichts der Provokation, die Flüchtlingszüge aus Prag über Dresden fahren zu lassen.
Kaum von der Übung zurück, glaubten wir zuerst, für einen kurzen Moment nur, an einen Scherz, dann an ein Versehen. Man hatte in jener Nacht unsere Abteilung alarmiert. Informationen gab es nicht, nur Gerüchte. Gegen Mittag des 4. Oktober war dann klar, was passiert war, und dass mehrere Einheiten und Truppenteile der Panzerdivision, die ihren Stab in Dresden hatte, in die Erhöhte Gefechtsbereitschaft überführt wurden.
Wir bekamen Befehl, sogenannte Hundertschaften aufzustellen. Es wurde brenzlig. Wir in den Einheiten bekamen kaum Informationen oder Befehle von unseren Vorgesetzten. Doch ein Vakuum durfte es nicht geben. Ich suchte das Gespräch mit meinen Männern, und sie erwarteten irgendeine Stellungnahme oder Anweisung.

Uns war klar, es ging hier um einen Einsatz zur Verstärkung der Polizeikräfte in Dresden. Genau das aber verursachte mir ziemliche Bauchschmerzen. Ich hatte geschworen, mein Land und mein Volk gegen jeden Feind zu schützen. Ich verband damit immer eine wie auch immer geartete Bedrohung von außen.
Die Leute aber in Dresden, auch wenn sie als Randalierer und Konterrevolutionäre bezeichnet wurden, waren doch aber mein Volk!?

Das war die zweite große Zäsur in meinem militärischen Leben. Ich beschloss, keinesfalls eine Waffe in die Hand zu nehmen, falls ein Einsatzbefehl kommt. Mit einfachen und klaren Worten erläuterte ich meinen Jungs meine Haltung und stieß durchweg auf Erleichterung. Sie hatten sich einfach schon ohne mich darauf geeinigt, keine Waffe in die Hand zu nehmen, und nun hofften sie, dass ich nicht der Schweinehund wäre, der ihnen solches befiehlt. Wir waren uns also einig, und es war ein gutes Gefühl.
Ich informierte meinen Kommandeur über die Stimmung in meiner Einheit, was er wenig überrascht zur Kenntnis nahm.
Zum Glück für uns kam nie ein solcher Einsatzbefehl. Die Stufe der Erhöhten Gefechtsbereitschaft wurde am nächsten Tag aufgehoben, die Wogen glätteten sich. Doch einfach zur Tagesordnung zurück konnten wir nicht mehr. Jene Stunden hatten uns alle, ob Offiziere oder Mannschaften, verändert. Es lag etwas in der Luft, das spürten wir.

– wird fortgesetzt –

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