Beobachtungen im Alltag

Sonntag, 08. Februar 2009

Nun ist schon wieder Sonntag und ich merke, wie schnell die Woche vergangen ist. Gerne hätte ich zwischendurch den einen oder anderen Beitrag geschrieben, aber irgendwie hat mich der noch ungewohnte Alltag fest in seinem Griff.
In Singapore beträgt die gesetzlich zulässige Arbeitszeit maximal 44 Stunden, die wahrscheinlich auch voll ausgeschöpft werden. Die Firma, in der ich mein Büro bezogen habe, stellt einen kostenlosen Bus-Shuttle bereit. Dieser Bus fährt drei feste Treffpunkte an, um die Kollegen einzusammeln. Für mich ist das recht bequem, spare ich doch so etwas Geld. Mein Arbeitsweg gestaltet sich morgens so: Um 6.40 Uhr verlasse ich die Wohnung und gehe zur Bushaltestelle, die sich fast unmittelbar vor dem Block befindet. Zuerst fahre ich mit dem Bus zwei Haltestellen bis zur MRT, dann mit der Bahn etwa 15 Minuten oder präzise 5 Stationen bis zum ersten Treffpunkt. Dort steige ich in den Firmenbus, der je nach Verkehrsdichte etwa 40 Minuten bis zur Firma benötigt (die 40 Minuten sind die optimistische Annahme…). Etwa gegen 8.15 bin ich dann an meinem Platz.
jd502089nickerchenDer Weg bis zum Büro ist schon ziemlich lang. Die meisten Kollegen nutzen die Zeit im Bus deshalb für ein Nickerchen.
Und ich dachte noch so bei mir, ich leiste der netten Kollegin, die mich am Montag von der Bahn abgeholt und zum Treffpunkt gebracht hatte, ein wenig Gesellschaft und plaudere mit ihr. Dass ich sie aber von ihrer Lieblingsbeschäftigung abhielt, sagte sie mir dann indirekt auf dem Rückweg in der Bahn …
Apropos Bahn, in der MRT wird natürlich auch geschlafen. Es gibt sogar Künstler, die tun das im Stehen.

Ich kann im Bus nicht schlafen und schaue mir lieber die Gegend an.

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Für den Rückweg wird dann mindestens genausoviel Zeit benötigt, meist ist aber die Verkehrsdichte noch höher. Der Bus verlässt die Firma so gegen 18 Uhr. Oft bin ich dann erst gegen viertel oder halb acht wieder zu Hause. Schneller geht es, wenn mein Freund Jeffrey in der Firma weilt und mich zum Feierabend im Auto mitnimmt. Dann spare ich fast eine halbe Stunde.
Den Abend verbringe ich manchmal mit Einkaufen und dem Abendessen. Jeder größere Einkaufstempel – fast an jeder MRT-Station gibt es einen davon – hat seinen eigenen Foodcourt, wo man aus einem sehr umfangreichen Angebot wählen kann. Anschließend schaue ich noch bei Starbuck’s rein, um über deren kostenfreien Hotspot Zugang zum Internet zu bekommen und mit meiner Familie zu quatschen. Dann ist es aber auch schon an der Zeit, nach Hause zu fahren, denn am nächsten Morgen klingelt wieder unerbittlich der Wecker. Wenn ich keine Lust zum Einkaufen verspüre oder einfach zu müde bin, nehme ich das Dinner hier vor dem Block im 688 Eating House. Das spart Zeit und Geld. Selbst gekocht habe ich noch nicht. Ich kann mir angesichts der Preise im Supermarkt noch nicht vorstellen, dass Selberkochen preiswerter sein soll.
Allerdings versuche ich sowieso gerade zu ergründen, wie der Kapitalismus hier funktioniert. Wenn ich da nur mal die Anzahl der Angestellten in „meinem“ Eating House zu der Zahl der Gäste und den Preisen ins Verhältnis setze, komme ich aus dem Grübeln so schnell nicht mehr heraus …

Am Wochenende habe ich dann die Zeit, mir interessante Sehenswürdigkeiten anzuschauen oder auch mal einfache Dinge zu erledigen, wie zum Beispiel Wäsche waschen. Wenn in Singapur Waschtag ist, sieht es dann an jedem Block ungefähr so aus:

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So habe ich Muße und das Auge für den besonderen Blick.
Zum Beispiel dafür, dass es in Singapore nicht immer und überall so sauber ist, wie es oft vermittelt wird. Hier würde es wohl kaum auffallen, den so oft zitierten Kaugummi auszuspucken und die eintausend Singdollar Strafe zu riskieren.

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Damit soll es aber gut sein, denn es gibt meiner Meinung nach schon genug Müll im Internet.

Bei der Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel habe ich einige interessante Beobachtungen gemacht. Die Taktzeiten sind mit etwa fünf Minuten sehr kurz. Das heißt, etwa alle fünf Minuten fährt eine Bahn oder ein Bus in jede Richtung. Trotzdem gibt es eine beträchtliche Anzahl von Leuten, die zur Bahn oder zum Bus rennen, um ausgerechnet diesen noch zu erwischen. Ich gehe lieber ein wenig eher aus dem Haus und muss angesichts der Reserve nicht rennen, was bei morgendlichen Temperaturen von rund 25°C auch angenehmer ist. Immerhin habe ich dabei mitbekommen, dass der Versuch, einen Bus noch zu erwischen, meist von Erfolg gekrönt ist. Sieht der Busfahrer den heraneilenden Fahrgast, wartet er oder hält extra noch mal an, falls er schon angerollt ist. Das ist gar nicht so selten. Es ist auch üblich, älteren Leuten oder Frauen mit kleinen Kindern ungefragt einen Sitzplatz anzubieten.

Nun war Sonnabend, und ich entschloss mich, nach Chinatown zu fahren, um mich in Ruhe umzusehen. Denn direkt zu den Feiertagen anlässlich Chinese New Year war das ja keine wahre Freude, und eine Erholung schon gar nicht. Diesmal brach ich schon recht früh auf und kam gegen Zehn in Chinatown an. Das war eine ganz gute Zeit. Ein Teil der Geschäfte macht um Zehn auf, der andere erst um Elf. So hatte ich die Gelegenheit, erst mal einen traditionellen Kopi-ah zu bestellen, diesen herrlich süßen Kaffee, an den ich mich mittlerweile schon gewöhnt habe. Beim Bummel durch die Straßen konnte ich mir so einige Anregungen für kleine Mitbringsel holen, aber auch wichtige Informationen für einige Anschaffungen in der Firma bekommen.
Und ich fand auch die Basis des Würstelstandes:

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Allerdings war Erich nicht da. Aber eines Tages werde ich ihn bestimmt antreffen und die Gelegenheit zu einem kurzen Schwätzchen haben. Doch nun weiß ich fürs Erste, wo ich Schwarzbrot herbekomme, denn die Supermärkte führen so etwas nicht.
Bei meinem Bummel durch Chinatown kam ich natürlich auch wieder am Sri-Mariamman-Tempel vorbei. Diesmal beschloss ich aber, hineinzugehen. Also erst mal die Latschen aus.

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Nach meinen Erfahrungen in Malaysia hoffte ich, dass es hier genauso ungefährlich sein möge, barfuß herumzulaufen.
Kaum war ich drin, wurden mir schon 3 Dollars abgeknöpft für eine Fotoerlaubnis. Mein Escheinungsbild ließ den Wachmann wohl auf einen Touristen schließen. Na gut, was sein muss, muss sein. Ich bin dann allerdings ziemlich achtlos an den überall aufgestellten Spendenboxen vorbeigeschlendert, Shiva möge mir verzeihen. Die Zeremonie, die da gerade lief, war sehr beeindruckend.

Auch viele kleine Kinder waren im Tempel anzutreffen, sie waren zusammen mit ihren Familien da. Ob da nicht solche Figuren etwas abschreckend und furchteinflößend wirken?

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Wie auch immer, ein Besuch dieses Tempels ist empfehlenswert.

Mindestens genauso empfehlenswert ist der Besuch eines Wetmarkets. So werden hier die Märkte bezeichnet, auf denen man Fleisch, Fisch und Gemüse kaufen kann. Meist sind diese Märkte ziemlich offen und nicht klimatisiert. Nichts für feine Nasen also. Das Schuhwerk sollte über ausreichend hohe Sohlen verfügen, sonst holt an sich schnell nasse Füße.

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Angesichts der angebotenen „Köstlichkeiten“ fällt es mir schwer zu glauben, dass man daraus solch feine Speisen zubereiten kann.

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Bei dem Anblick dieser Kreaturen schwor ich mir aber, nichts Derartiges zu probieren.

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(Update: Sehr viel später sollte ich mich überwinden und diesen meinen feierlichen Schwur brechen…)

Davon konnte ich mich dann beim Anblick des frischen Grüns in der Gemüseabteilung wieder erholen.

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Als ich dann mit gemischten Gefühlen das Gebäude verließ, schienen die Zwei zu sagen: Nimms leicht!

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Von Chinatown aus spazierte ich weiter zum Financial District. Das ist da, wo die vielen Wolkenkratzer rumstehen. Für mein Gefühl war das nur ein Katzensprung, ein Singaporer aber würde niemals eine Viertelstunde ununterbrochen laufen, zumal zwei Bahnstationen auf dem Weg liegen. Mir machte das aber nichts aus. Am Raffles Place verschnaufte ich kurz und fuhr dann tatsächlich mit der Bahn in Richtung Orchard Road, stieg aber in Dhoby Ghaut schon aus, um den Rest des Weges zu laufen. Mein Ziel war das Starbuck’s neben Orchard Plaza. Das hatte zwei Gründe: erstens war die Zeit heran, Verbindung nach Hause aufzunehmen, und zweitens sitzt man dort sehr schön bei erträglichen Temperaturen. Über den Sonnenschirmen sind Ventilatoren mit Düsen angebracht. Aus diesen Düsen wird ein Wassernebel gesprüht, den die Venilatoren auf die Schirme verteilen. Die entstehende Verdunstungskälte sorgt für ein angenehmes Klima unter den Schirmen.

Den Abend beschloss ich mit ein paar Besorgungen im Supermarkt des Woodlands Causeway Point und dem Abendessen. Anschließend noch ein kurzer Plausch mit der Familie, dann fuhr ich nach Hause. Ich war recht geschafft von diesem Tag.

Nun ist schon wieder Sonntag. Ich begann mit einem zünftigen Fühstück, wie nicht anders zu erwarten gab es Roti Prata. Natürlich wieder einen mit Zwiebeln und einen mit Ei, dazu die schöne scharfe Soße und einen Kaffee.

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